Die Tour de France entstand nicht aus sportlicher Begeisterung, sondern aus einem wirtschaftlichen Problem. Die Sportzeitung L’Auto brauchte Auflage, und ein Rennen quer durch Frankreich sollte sie liefern. Die erste Austragung im Jahr 1903 bestand aus nur sechs Etappen über rund 2.428 Kilometer, gefahren auf unbefestigten Straßen und teilweise nachts. Gewonnen hat sie Maurice Garin.
Aus dieser Werbeidee wurde über mehr als ein Jahrhundert das Rennen, an dem sich der Straßenradsport misst. Was sich dabei verändert hat, ist weniger die Grundidee als die Struktur drumherum: Wertungen, Trikots, Teamgrößen, Sicherheitsregeln. Wer die Etappenpläne von damals und heute nebeneinanderlegt, sieht ein Rennen, das kürzer, schneller und ungleich stärker reglementiert geworden ist.
Dieser Überblick sortiert die Entwicklung nach den Punkten, die das Rennen tatsächlich geprägt haben: Gründung, Einführung der Wertungen, Unterbrechungen durch die Weltkriege und die Regeln, die den heutigen Ablauf bestimmen.
Die Gründung als Auflagenprojekt
Hinter der Tour stand die Zeitung L’Auto, die Idee für ein mehrtägiges Etappenrennen brachte der Journalist Géo Lefèvre ein. Die Rechnung ging auf: Ein Rennen, über Wochen in Fortsetzungen berichtet, band Leser stärker als jedes Eintagesrennen. Der Preistopf der ersten Auflage lag bei etwas über 6.000 französischen Francs, für einen Arbeiter jener Zeit eine erhebliche Summe.
Die Distanzen der Anfangsjahre wirken aus heutiger Sicht unmöglich. Sechs Etappen auf 2.428 Kilometer bedeuten im Schnitt gut 400 Kilometer pro Etappe, gefahren mit einem Gang, ohne Begleitfahrzeuge und ohne organisierte Verpflegung. Der Durchschnitt lag trotzdem über 25 Kilometern pro Stunde. Die Zahl der Etappen stieg in den Folgejahrzehnten, die Einzeldistanzen sanken entsprechend.
Zweimal fiel das Rennen ganz aus. Während des Ersten Weltkriegs wurde von 1915 bis 1918 nicht gefahren, während des Zweiten Weltkriegs und der ersten Nachkriegsjahre von 1940 bis 1946. Beide Unterbrechungen kosteten eine ganze Fahrergeneration ihre besten Jahre.
Wie die Trikots entstanden
Die Wertungen kamen nacheinander und jeweils aus einem konkreten Anlass. Der Gesamtführende trug anfangs eine grüne Armbinde, das gelbe Trikot kam erst 1919 dazu und ist damit sechzehn Jahre jünger als das Rennen selbst. Die Bergwertung führte Henri Desgrange 1933 ein, das dazugehörige gepunktete Trikot gibt es allerdings erst seit 1975.
Das grüne Punktetrikot entstand 1953, als die Veranstalter mehr Sprintwertungen in die Strecke legten und die schnellen Fahrer eine eigene Bühne bekommen sollten. Ebenfalls 1975 kam das weiße Trikot für den besten Nachwuchsfahrer dazu, das zwischenzeitlich für einige Jahre wieder verschwand und danach zurückkehrte.
Fünf Gesamtsiege gelangen unter anderem Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain. Ein Fahrer kann die Tour übrigens gewinnen, ohne eine einzige Etappe zu gewinnen: Für das Gesamtklassement zählt allein die addierte Fahrzeit, und ein konstant starker Rundfahrer schlägt damit einen Fahrer mit spektakulären Einzelsiegen.
Was die Tour de France nicht ist
Die Tour ist nicht das älteste Radrennen. Mehrere klassische Eintagesrennen in Frankreich und Belgien wurden schon im ausgehenden 19. Jahrhundert ausgetragen und sind älter als die Tour. Was die Tour groß gemacht hat, ist nicht ihr Alter, sondern das Format: drei Wochen Fortsetzungsgeschichte mit täglich neuem Ausgang.
Sie ist auch nicht das längste Rennen. Die Gesamtdistanz liegt inzwischen bei rund 3.500 Kilometern und damit deutlich unter den Werten der Zwischenkriegszeit, als Ausgaben über 5.000 Kilometer normal waren. Das Rennen ist kürzer und dafür ungleich intensiver geworden, weil die Etappen kompakter und die Geschwindigkeiten höher sind.
Und sie ist kein Wettbewerb von Einzelkämpfern, auch wenn am Ende ein Einzelner auf dem Podium steht. Der Gesamtsieger fährt drei Wochen lang im Windschatten eines Teams, das ihn schützt, versorgt und Tempo macht. Wer das Rennen als Duell zweier Namen liest, versteht die Taktik nicht, die dahintersteckt. Warum ein Feld überhaupt so viel Energie spart, erklärt der Beitrag zu den Grundlagen des Radsports.
Die vier Wertungen im Vergleich
| Trikot | Wofür es steht | Seit | Was es kostet |
|---|---|---|---|
| Gelb | niedrigste Gesamtfahrzeit | 1919 | drei Wochen ohne einen einzigen schwachen Tag, jeder Sturz kann alles beenden |
| Grün | Punkte aus Etappenankünften und Zwischensprints | 1953 | der Fahrer muss auch im Gebirge innerhalb der Karenzzeit bleiben, obwohl er dort nichts gewinnt |
| Gepunktet | Punkte an den kategorisierten Anstiegen | 1975 | tägliche Fluchten kosten Substanz, das Gesamtklassement ist danach verloren |
| Weiß | bester Fahrer der jüngsten Altersklasse | 1975 | bindet junge Fahrer früh an Rundfahrten statt an ihre eigentliche Stärke |
Wie das Rennen heute abläuft
Umfang. Üblich sind 21 Etappen über rund drei Wochen, dazu zwei Ruhetage. Die Gesamtdistanz liegt meist um 3.500 Kilometer, verteilt auf Flachetappen, Mittelgebirge, Hochgebirge und in der Regel mindestens ein Zeitfahren.
Teilnehmerfeld. Eingeladen werden gut zwanzig Mannschaften. Die Teamgröße lag lange bei neun Fahrern und wurde später auf acht gesenkt, womit rund 170 Fahrer starten. Die kleinere Teamgröße war eine Sicherheitsmaßnahme: weniger Fahrer im Feld bedeuten weniger Massenstürze. Das Reglement für Wettkämpfe dieser Kategorie setzt der Weltverband UCI.
Karenzzeit. Wer im Ziel zu weit hinter der Siegerzeit liegt, scheidet aus. Der zulässige Rückstand wird je nach Etappenprofil und Durchschnittstempo als Prozentsatz der Siegerzeit berechnet, weshalb Sprinter im Hochgebirge in sogenannten Gruppetti fahren und gemeinsam das Zeitlimit ansteuern.
Helme. Im Profifeld wurde die Helmpflicht erst 2003 durchgesetzt, nachdem ein Fahrer bei einem anderen Rennen nach einem Sturz gestorben war. Vorher war der Helm auf flachen Etappen freiwillig. Wie unabhängige Prüfstellen Helme über die Mindestnorm hinaus bewerten, zeigt die Helmbewertung der Virginia Tech.
Was du davon für dein eigenes Fahren mitnehmen kannst
Für Einsteiger ist die interessanteste Lehre aus der Tourgeschichte, dass Konstanz Spitzenleistungen schlägt. Gesamtsieger sind selten die stärksten Sprinter oder die besten Bergfahrer, sondern die Fahrer mit den wenigsten schlechten Tagen. Übertragen auf das eigene Training heißt das: regelmäßige, moderate Einheiten bringen mehr als einzelne Gewaltausfahrten. Konkrete Einstiege dazu stehen in den Tipps zum Rennradfahren.
Wer selbst an einem Jedermannrennen teilnehmen will, findet in der Rennlogik der Tour die gleichen Bausteine wieder: Verpflegung nach Plan, Windschatten nutzen, Material vorher testen. Wie sich das vorbereiten lässt, beschreibt der Beitrag zur Vorbereitung auf ein Radrennen.
Und wer die Strecken lieber ohne Startnummer fahren möchte, kann sich an den Etappenorten orientieren. Viele Anstiege der Tour sind ganzjährig befahrbar und gut erschlossen. Die Planung einer solchen Reise erklärt der Leitfaden zum Planen von Radreisen. Welchen Anteil der Radverkehr insgesamt an der Mobilität hat, ordnet das Umweltbundesamt ein.
Häufige Fragen
Warum ist das Führungstrikot ausgerechnet gelb?
Die verbreitete Erklärung verweist auf das Papier der Zeitung L’Auto, die auf gelbem Papier gedruckt wurde und das Rennen veranstaltete. Ein Farbsignal war praktisch nötig, weil Zuschauer am Straßenrand den Führenden im Feld sonst nicht erkennen konnten. Die grüne Armbinde davor erfüllte denselben Zweck, war aber schlechter sichtbar.
Gibt es die Tour auch für Frauen?
Ja, ein eigenständiges Frauenrennen des gleichen Veranstalters wird über mehrere Etappen ausgetragen. Vorläufer gab es schon deutlich früher, sie wurden aber mehrfach eingestellt. Wie sich der Frauenradsport insgesamt entwickelt hat, behandelt der Beitrag zu Frauen im Radsport.
Wie viel Geld bekommt der Sieger?
Das Preisgeld für den Gesamtsieg ist im Vergleich zu anderen Weltsportarten überschaubar und wird im Team üblicherweise geteilt, weil der Sieg ohne Helfer nicht zustande kommt. Der wirtschaftliche Wert liegt für die Fahrer weniger im Preisgeld als in Vertragswert und Sponsoring, für die Etappenorte in der Aufmerksamkeit, für die sie beim Veranstalter bezahlen.
Warum fahren die Sprinter überhaupt über die Berge mit?
Weil sie sonst ausscheiden. Wer eine Bergetappe außerhalb der Karenzzeit beendet, ist aus dem Rennen und kann die flachen Etappen der letzten Woche nicht mehr fahren. Deshalb bilden die schweren Fahrer eine gemeinsame Gruppe, teilen sich das Tempo ein und kommen möglichst geschlossen innerhalb des Zeitlimits an.
Wie schnell sind die Räder im Vergleich zu früher?
Der Unterschied liegt weniger im Rahmen als in der Summe der Details: mehrere Gänge statt eines einzigen, geteerte Straßen statt Schotter, Verpflegung nach Plan statt Selbstversorgung unterwegs. Die Rennräder der Anfangszeit wogen ein Vielfaches heutiger Räder, der größere Zeitgewinn kommt aber aus Streckenzustand und Renntaktik.
Kann ich die Etappen selbst nachfahren?
Die Anstiege ja, die Etappen in voller Länge nur mit entsprechendem Trainingsstand. Eine Bergetappe umfasst regelmäßig mehrere tausend Höhenmeter auf über 150 Kilometern, das ist für Freizeitfahrer ein Tagesprojekt mit Verpflegungsplanung. Sinnvoller ist es, einzelne bekannte Pässe herauszugreifen und über mehrere Tage zu verteilen.